
... unter falschem Namen ...
„Die Schöne Müllerin“ - ein Titel, der irreführender kaum sein könnte. Denn der Name von Franz Schuberts bekanntem Liederzyklus stellt eine Frau in den Mittelpunkt, die in der tatsächlichen Geschichte nicht ein einziges Mal die Bühne betritt. In zwanzig Liedern präsentiert sich uns stattdessen das Psychogramm eines jungen Mannes, der weniger an der Liebe als an sich selbst scheitert - denn in seiner Figur verbinden sich auf destruktive Weise höchste Sensibilität und tiefste Einsamkeit. Mit dem angedeuteten Selbstmord folgt er zum Schluss einem männlichen kodierten Muster: Er wählt nicht die Öffnung gegenüber seinen Mitmenschen, sondern beharrt auf dem Unverstandensein, versinkt immer tiefer in seiner inneren Welt und schließt dadurch auch alles aus, was ihm vielleicht einen Ausweg hätte bieten können. In unserer Gegenwart erleben wir ein immer heftiger werdendes Aufflackern traditioneller Männlichkeit. Als Abwehr gegenüber einem Verlust von Privilegien und emotionalen Öffnungsprozessen versuchen verschiedene Gruppierungen vehement, ein überkommenes Rollenbild zu zementiert - Stichwort „Manosphere“, „Bro culture“ und Misogynie als Trend in sozialen Medien. Wenn wir uns außerdem bewusst machen, dass der Suizid - die einsamste aller Taten - nach wie vor überwiegend von Männern begangen wird, dann ist die brennende Aktualität dieser Geschichte offensichtlich. Die These: Männer mit "herzzuvoll" gibt es auch heute zu Hauf und es ist im Sinne einer erfolgreichen Emanzipation beider Geschlechter von zentraler Bedeutung, dass sie selbst Geschichten darüber erzählen. Denn solch tiefe Einsamkeit ist kein Zeichen von Unabhängigkeit oder Heldentum, sondern ein ganz banaler, aber darum nicht weniger schmerzhafter Mangel an Sozialkompetenz und kommunikativen Fähigkeiten. Vielleicht hätte Schubert besser daran getan, seinem Liederzyklus abweichend von Müllers Vorlage den Titel „Der Einsame Müller“ zu geben. Der originale Titel betreibt nämlich auch eine hintergründige Schuldzuweisung zu Ungunsten einer jungen Frau, die nie zu Wort kommt und sich somit auch nicht wehren kann. Indem er sie in den Mittelpunkt stellt, lenkt der Titel unterbewusst unsere Einschätzung des Geschehens. Wir neigen - einem lang eingeübten kulturellen Mechanismus folgend - dazu, ihr die Schuld an der Misere des Müllers zu geben. Aber wäre es nicht viel angemessener, sich zu fragen: Was muss bei einem Menschen alles im Argen liegen, dass sein einziger Vertrauter eine imaginäre Stimme ist und er offenbar keinerlei produktive Möglichkeit hat, seinem Leiden zu begegnen und es zu verarbeiten? herzzuvoll will aber nicht nur den Aspekt männlicher Einsamkeit in den Mittelpunkt stellen, sondern außerdem den Blick auf Wilhelm Müllers ursprünglichen Gedichtzyklus lenken. Denn Schubert hat bei seiner Adaption einiges ausgelassen: Einen umfangreichen Prolog und Epilog, in denen sich der Dichter (bei uns eine junge Dichterin) direkt an das Publikum wendet, um die Handlung mit launigen Reflexionen einzurahmen. Und er überging vier Gedichte aus dem Inneren der Handlung, wobei gerade letztere Texte nur wenig bekannt sind. Wir wollen beide Schichten des Zyklus - Müllers ursprüngliches Konzept und Schuberts Adaption - miteinander verschränken, in Reibung bringen und als ein Ganzes erfahrbar machen. Da die Interpretation der Lieder ohnehin eine intensive Darstellung verlangt, war es naheliegend, bei der Gestaltung des Abends neben den nicht vertonten Texten auch mit szenischen Elementen zu arbeiten und so dem Konzept des Liederabends ein Update mit Augenmaß zu geben, ohne das intime Format aufzubrechen oder zu dekonstruieren. Während die Rolle des Müller im Verlauf des Abends konsistent bleibt, liegt der Reiz der von unserer Schauspielerin verkörperten Figur in ihrer Ambivalenz. Zwischen humoristisch-distanziertem Kommentar und betroffenem Zeugnis liegt das Spannungsfeld, in dem sie sich bewegt. Durch ihre Anwesenheit auf der Bühne agiert sie auch als Spiegel des Publikums: Man kann sie beim Beobachten beobachten und wird durch ihre Aktionen und Reaktionen noch tiefer in das Geschehen verstrickt. Sie selbst entfernt sich im Verlauf des Abends immer weiter von ihrer heiteren Ausgangsposition und sieht sich schließlich mit einer Entscheidung konfrontiert: Bleibt sie weiter im Bannkreis der extremen Gefühlswelt des Müllers oder muss sie sich vor seiner radikalen Intensität schützen und Abstand suchen?
![]() | ![]() | ![]() | ![]() |
|---|---|---|---|
![]() | ![]() | ![]() | ![]() |
![]() | ![]() | ![]() | ![]() |
![]() | ![]() | ![]() | ![]() |
![]() | ![]() | ![]() | ![]() |
![]() | ![]() | ![]() | ![]() |
![]() | ![]() |

























